Wenn plötzlich alles leichter wird

Also es ist so: Mir tut lautes Stöhnen einfach gut. Der Stossseufzer mitten am Tag, wenn ich konzentriert arbeite oder lange sitze, macht sich automatisch Luft. So automatisch, dass ich es nicht einmal merke, bis mich das Gegenüber verdattert anschaut und fragt, was los sei. Nichts, sage ich jeweils, da hat sich nur gerade etwas in meinem Körper Platz verschafft.

Das Gleiche gilt für meine Yogapraxis. Wenn ich mich tief in eine Dehnung hinein bewege, in einer Rückwärtsbeuge mehr Öffnung erhalten will oder in einer Kraft aufbauenden Stellung ausharre, stöhnt es einfach. Auch hier merkte ich es schon gar nicht mehr, bis plötzlich meine Mattennachbarin zu lachen begann oder der Yogalehrer besorgt nachfragen kam, ob ich Schmerzen hätte.

Nein, ich stöhne, weil mir das hilft, Verkrampfungen zu lösen. Weil es mir erlaubt, länger in der Stellung zu bleiben. Weil es mir hilft, wieder Luft zu holen, nachdem ich vor lauter Anstrengung vergessen habe zu atmen. Vor einigen Jahren war ich zudem im Iyengar-Yogainstitut in Pune in meinem Stöhnen bestärkt worden: Geeta Iyengar, die Tochter meines Yogameisters, hatte uns damals in einer Lektion gesagt hat, Stöhnen sei gut - das öffne die tiefen Gewebeschichten. 

So bin ich also zufrieden stöhnend durch mein Yogaleben gegangen, bis kürzlich mein Yogalehrer neben mir stand, als ich gerade in Urdhva Dhanurasana, dem Bogen, war. Das war schon immer eine schwierige Stellung für mich. Und mein Armbruch vor einigen Jahren hat nicht gerade dazu beigetragen, das Asana einfacher zu machen. Meine Schultern sind zu wenig offen, damit ich meine Arme wirklich durchstrecken könnte, mein mittlerer Rücken ist eher steif und beugt sich kläglich gegen die Decke und mir fehlt schlicht die Kraft, ewig lang in dieser anstrengenden Stellung zu stehen. Es steigt jeweils schon Anfang der Stunde ein Stossseufzer zum Himmel beim Gedanken daran, dass wieder Rückwärtsbeugen anstehen.

Ich stand also stöhnend im Bogen, versuchte vergeblich, mit allerletzter Kraft meine Hände auf den Boden zu pressen, damit die Ellbogen sich noch einen halben Zentimeter mehr öffneten, als plötzlich mein Yogalehrer neben mir stand, beziehungsweise kniete. Er legte mir sanft die Hand an den mittleren Rücken und sagte mit seiner ruhigen, klaren Stimme, ich solle einfach loslassen und atmen. Mich nicht mit aller Kraft gegen die Stellung wehren.

Im ersten Moment war ich – natürlich! – höchst irritiert. Kurz vor meinem Zusammenbruch, nach einer gefühlten Viertelstunde in der der Stellung, stand er da und tat weise. Der hat gut reden, dachte ich verbissen. Erstens ist er die ganze Stunde gemütlich rumgestanden und zweitens fallen ihm Rückwärtsbeugen unverschämt leicht. Und dann – da ich halt doch einen gewissen Ehrgeiz habe und mich auf keinen Fall lächerlich machen will – entschloss ich mich, halt einmal zu tun, was er verlangte. Wenigstens so lange, wie er neben mir stehen blieb.

Ich konzentrierte mich auf meine Atmung und murkste etwas weniger, um oben zu bleiben. Und siehe da! In dem Moment, als ich losliess und mich ergab, tat sich eine neue Welt der Leichtigkeit auf, ohne dass ich aus der Stellung herausgefallen wäre. Im Gegenteil, ich konnte ohne grosse Anstrenung im Bogen bleiben und die Öffnung geniessen. Sanft an der Streckung der Arme arbeiten und schliesslich kontrolliert zurückkommen und nicht auf den Boden plumpsen, wie ich das sonst meist tue.

Kurz darauf, als ich mich bei der Arbeit verzweifelt abmühte und einfach nicht weiterkam, erinnerte ich mich an diesen herrlichen Moment der Leichtigkeit und liess los. Hörte auf zu wollen und zu tun und liess einfach geschehen, was geschehen sollte. Erlebte in allem Stress einen Moment tiefsten Friedens. Und merkte plötzlich, dass ich durchaus auf mich anwenden kann, was ich meinen Yogaschüler:innen immer predige: Mit Hingabe kommt ihr viel weiter als mit verkrampftem Gemurkse.

Haben Sie Lust, selbst Yoga zu praktizieren (mit und ohne Gestöhne…), dann besuchen Sie doch einmal eine Probelektion bei mir.

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