B.K.S. Iyengar in Washington: Wie ich einen Yoga-Guru erlebte

Kürzlich habe ich wieder in «Light on Life» von B.K.S. Iyengar gelesen. Dabei erinnerte ich mich an seinen Besuch in Washington DC beim Erscheinen des Buches. Ich war damals USA-Korrespondentin für Schweizer Zeitungen und praktizierte intensiv Iyengar-Yoga, um mit dem Stress klarzukommen. Nach der Begegnung mit dem Yogameister schrieb ich diese Kolumne:

Was haben Washington DC, USA, und Puna, Indien, miteinander gemein? Nichts. Ausser, wenn ein Guru aus Indien durch die Strassen Washingtons wandelt - beziehungsweise mit der Limousine durch die Stadt gefahren wird - und damit alles Indische, das am Rand blüht, ins Zentrum rückt. Nicht, dass es eine besonders grosse indische Gemeinschaft gäbe in Washington, doch Indisch ist schick. Indische Restaurants sind in den letzten paar Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen - es gibt die preisgünstigen wie das «Haandi», wo mittags Buffets für acht, neun Dollar angeboten werden, und es gibt die prestigeträchtigen wie der «Bombay Club», wo sich Kongressabgeordnete zum Lunch treffen und Bill Clinton seine Geburtstage feierte.

Wenn allerdings ein Guru vor der Türe steht, ist indisches Essen nicht länger ein auswechselbares Element des modernen urbanen Lebensgefühls, sondern wird augenblicklich Teil einer uralten Kultur. Die Chilischoten duften herber, der Kurkuma leuchtet satter gelb und die Kreuzkümmelsamen schmecken intensiver. Und Yoga ist nicht nur eine von vielen Möglichkeiten, fit zu bleiben, sondern wird zur Lebensphilosophie.

Yoga im Westen: Vom Misstrauen zum Boom

Als B.K.S. Iyengar vor siebzig Jahren erstmals in die USA reiste und Yoga-Stellungen vorführte, war dem Westen alles Indische fremd. Die "Washington Post" fragte damals mit erhobener Augenbraue: «Kann denn eine solche Verrenkung des Körpers überhaupt gut für eine Person sein?» Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis sich der Westen zu einer Antwort durchringen konnte, doch nun würden Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner (und zunehmend auch Ärzt:innen) antworten: «Und ob!»

Yoga ist in den USA zum schnell wachsenden Boom geworden - mit allem, was dazugehört: Yogastudios selbst im kleinsten Kaff, spirituelle und sportliche Yogakleidung im Warenhaus und online, personalisierte Yogamatten, spirituelle Reisen durch den Cyberspace, Yogaferien unter Palmen oder auf Kreuzschiffen und tägliche E-mails vom «Yoga Journal», um einen weiteren Tag unseres hektischen Lebens mit weniger Stress zu meistern.

Kein Wunder, war B.K.S. Iyengars Veranstaltung in Washington trotz stattlicher Preise innert weniger Stunden ausverkauft. Kein Wunder, bildete sich eine weit auf die Strasse hinaus reichende Schlange, als der damals 86-jährige Yogameister am Tag danach in der Buchhandlung Barnes and Noble sein neustes Buch «Light on Life» (Licht auf Leben) signierte. Wenn man sich jahrelang in sterilen Yoga-Studios von Stellung zu Stellung kämpft und die zitternden Muskeln zu überlisten sucht, indem man die lackierten Zehennägel der Nachbarin oder das Tatoo des Gegenübers anstarrt, tut's einfach gut, einmal einen echten Yogi zu sehen. Ein Yogi, der zum Aufwärmen schnell 15 Minuten in den Kopfstand geht, sich vom Handstand in die Rückenbeuge gleiten lässt und dabei noch immer lacht.

B.K.S. Iyengar live: Strenge und Humor eines Yogameisters

Nicht, dass der Mann mit der schlohweissen Mähne und den buschigen Augenbrauen vor dem versammelten Publikum Yoga-Kunststücke vorgeführt hätte - das überliess er seinen langjährigen Schülerinnen, die in den USA inzwischen selbst Kultstatus erreicht haben. Doch lachen tat er die ganze Zeit, obwohl auch seine legendäre Strenge durchschimmerte. Die Klage vieler, neben der komplizierten Balance zwischen Berufs- und Familienleben bleibe kaum Zeit, die Yogamatte auszurollen, wischte er als faule Ausrede beiseite. Es gebe nichts Wichtigeres als die eigene Gesundheit. Als sechsfacher Vater sei er oft um drei Uhr nachts aufgestanden, um zu üben. Und schon lachte er wieder und erwärmte - wie das wohl nur ein wahrer Guru kann - mit seiner überfliessenden Güte den ganzen Saal.

Während sich sein Publikum inspiriert auf den Heimweg und Richtung eigene Yogamatte machte, liess sich B.K.S. Iyengar ins nächste Starbucks fahren, um einen Chai zu trinken und ein Cookie zu essen. Washington DC und Puna haben eben doch mehr gemein, als auf den ersten Blick sichtbar ist.

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