Der Freund meines Körpers

Kürzlich war ich in Indien. An einem wunderschönen Ort in Kerala, wo wir jeden Morgen früh in einer offenen Yogahalle praktizierten. Die Lage dieser Yogahalle hätte nicht besser gewählt sein können: umgeben von hohen Palmen, auf denen unterschiedlichste Vögel den Morgen begrüssten, untermalt vom Rauschen des Meeres. Vor uns, auf einem kleinen Podest, führte uns die reizende junge Yogalehrerin mit langem Zopf, feingliedrigem Körper und Shalwar-Qameez, der typischen indischen Bekleidung, durch Sonnengrüsse, sanfte Vorwärts- und Rückwärtsbeugen und Atemübungen.

In solchen Momenten geht es mir prächtig: Ich bin in Indien, total mit der Natur verbunden und das warme Klima macht meinen Körper geschmeidig und flexibel. Die Asanas waren leicht für mich und ich war ganz bei mir, glitt von einer Stellung in die nächste und dachte gerade «wie schön diese Verbindung von Körper, Atem und Geist doch ist», als die Lehrerin sagte: «Lenghten the freint of your body!»

Sofort schaltete sich mein Verstand ein, der sich leidenschaftlich gerne einmischt, beurteilt, kritisiert und kluge Sprüche klopft. «Strecke den Freunt deines Körpers?? Was will uns die Dame hier denn sagen?», fragte er und tänzelte mit einem koketten Hüftschwung davon. Natürlich war ihm und mir klar, was sie gemeint hatte. In der für viele Inderinnen und Inder so typischen harten Aussprache des Englisch hatte sie von «the front of your body», der Vorderseite deines Körpers, gesprochen.

Trotzdem war ich nun aus dem Konzept geworfen und begann an der Idee «des Freundes meines Körpers» herum zu studieren. Vielen Dank, Verstand! Nun habe ich nicht nur mich, meinen Körper und meinen Kopf, der sich in den unpassendsten Momenten einmischt. Nein, nein, nun ist da auch noch ein neues, nicht fassbares Wesen – jemand, dem wir noch nie begegnet sind, und der sich doch sofort als Freund einführt.

Während ich mechanisch die Asanas ausübte, lief mein Verstand zu Hochform auf. Ein Bild nach dem andern jagte vor meinem inneren Auge durch mit dem Freund meines Körpers in der Hauptrolle: wie er sich elegant an meinen Körper schmiegt und die beiden in einem grossen Ballsaal Tango tanzen – wieso ausgerechnet Tango? -, wie er seine Füsse in die Leisten meines Körpers presst, die Handgelenke fasst und den Oberkörper so intensiv streckt, bis die Stirn auf den Füssen aufliegt. Wie er seinen Kopf in meinen Schoss legt und von unten her auf meine Nasenlöcher starrt um zu sehen, ob ich in Nadi Shodana, die Wechselatmung, korrekt ausführe. Und wie er, ganz fürsorglich, in der Schlussentspannung Savasana seine Hand auf meinen Bauch legt, um sicherzustellen, dass mein Körper wirklich loslassen kann.

Der Freund meines Körpers stand von da an jeden Morgen auf der Matte und erwartete uns bereits, wenn ich noch etwas schlaftrunken einen Platz suchte. Und – wen überrascht es? – ich kam mit einem neuen Freund aus Indien zurück. Er taucht auch hier regelmässig im Yogastudio auf, blinzelt uns schelmisch zu, wenn wir Vorbeugen üben, tanzt auf meinem Bauch herum, wenn dieser in den Rückwärtsbeugen lang wird, oder flüstert mir schelmisch ins Ohr: «Geht es nun um die Vorderseite oder nicht doch den Freund deines Köpers?»

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